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Ein Komischer Text über ungewöhnliche Orte

Ich war heute mit dem Rennrad unterwegs und dabei ist etwas vorgefallen. Ein Ereignis, das mir so schon länger nicht mehr passiert ist - aber eines, dass mich zum Nachdenken gebracht hat. Aus diesen Gedanken ist dann über die Dauer meiner restlichen Fahrt der Wunsch entstanden, diese einmal niederzuschreiben und mit der Welt zu teilen. Das ist keine leichte Aufgabe, denn dem Vorsatz hängt die Idee an, schnell ins esoterische, ins überhebliche und unglaubwürdige abzudriften. Daher ist dieser Text für mich auch eine Übung in Selbstbeherrschung - auf das kein Leser selbige benötigt, um sich bis zum Ende und zur Auflösung dieses Werkes durchzuschlagen.

Aber beginnen wir zunächst bei dem für mich ungeheuerlichem , Vorgang, der diese Sammlung loser Gedanken auslöste: Ich habe heute mitten in meiner Rennradtour Pause gemacht. Das ist insofern für mich beachtenswert, als dieser Stopp nicht mit den zwei bei mir üblichen Gründen zu rechtfertigen war: als kurze Unterbrechung nach einem besonders anstrengenden Stück oder zur Nahrungsaufnahme. Meine Meinung gegenüber Ausgedehntem herumsitzen an Gipfelkreuzen und Aussichtspunkten ist schon an der Wahl meiner Verpflegung offensichtlich: Während meine Freunde beim Wandern gut gefüllt Brotboxen, Thermoskannen voller Tee und ganze Salamis in ihren Rucksäcken mitführen, besteht meine Brotzeit seit Jahren aus einer Kombination von Energie-Gels und Müsliriegeln. Dies wiederum führt dann dazu, dass ich bei Mittagspausen auf solchen Wanderungen hauptsächlich mit herumstehen und Warten beschäftigt bin, kann man doch bei Auswahl des richtigen Produktes den Energiegehalt eben solch einer Brotbox in ca. dreißig Sekunden zu sich nehmen.


Diese auf Dauer bestimmt nicht ganz gesunde Methode der Verpflegung gründet sich für mich im Wesentlichen auf zwei Gedanken: Zum einen habe ich über mich selbst gelernt, dass ich bei Ausdauersportarten nahe der Maximalen Leistungsgrenze eine gewisse Fähigkeit besitze (bei ausreichend Nahrungszufuhr) sehr lange unter erheblichen Schmerzen weiterzumachen - aber gleichzeitig der erste Stopp lang genug, um den Ruhepuls zu erreichen, das Ende jeder Leistungsfähigkeit darstellt. Ich kann zwar zweihundert Kilometer mit meinem Rennrad fahren oder zehn Stunden über alpine Gipfelgrate kraxeln - aber nur, solange ich dabei auf längere Pausen verzichte. Diese Maximalleistungen sind dann auch gleich der zweite Grund für meine eigenwillige Verpflegung: Ab einer gewissen Dauer muss die Nahrungszufuhr einfach ökonomischen Platzbeschränkungen gehorchen - sonst kann man gar nicht genügend mitnehmen.

 

Szenenwechsel - wir schreiben das Jahr 2016, und ich verbringe gerade meinen zweiten Sommer in Schweden. Es die zweite Tour auf dem Skelevteälv, die ich in dieser Sommersaison leite. Vor drei Tagen haben wir Arjeplog verlassen und Paddeln seit dem entlang der Westküste des Uddjauer in Richtung Süden. Das wir immer noch am westlichen Ufer entlangpaddeln, ist ein Problem, denn die Verbindung in den Storavan - also den nächsten See befindet sich etwa auf gleicher Höhe mit uns an der Ostküste. Wir müssten zum Ostufer queren, doch daran ist gerade nicht zu denken. Denn seit drei Tagen haben wir kontinuierlich heftige Winde im Nacken, die den See mittlerweile zu einem brodelnden Chaos aus Schaumkronen und Wellen in Meterhöhe aufgepeitscht haben. Die fünf Kilometer Querung über offenes Wasser kann unter aktuellen Bedingungen kein Mensch verantworten, denn eine Kenterung in der Seemitte ist bei den vorherrschenden Wassertemperaturen gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Seit Beginn der Wetterlage am Morgen des zweiten Tages haben wir im Wind und Wellenschatten zahlreicher kleiner Inselchen und Buchten immer in sicherer Nähe zur Westküste nach Süden bewegt. Für meine drei Gäste ist das super. Der kräftige Rückenwind und die auch bei uns immer noch hohen Wellen schieben die Kanus kräftig vorwärts und wir machen gute Strecke, ohne viel Kraft zu brauchen. Für mich ist das seit dem Morgen des zweiten Tags ein Stressfaktor. Neben den direkten Gefahren, die unsere Wetterverhältnisse mit sich bringen und dem damit verbundenen zwang zur konstanten Aufmerksamkeit habe ich noch ein paar andere Sorgen. Nach Süden gibt der Uddjauer maximal einen weiteren Paddeltag her - ob die Querung aber dort am Südufer entlang möglich sein wird, bezweifle ich. Umso südlicher wir uns befinden, desto mehr Anlauf und Kraft haben die Wellen. Zudem will ich auch gar nicht sehr viel weiter nach Süden - in vier Tagen wollen wir neue Gäste für die zweite Tourhälfte über den Storavan aufnehmen. Die zwei Möglichkeiten dafür verlangen bald eine Entscheidung für den Treffpunkt, je nach Ort bedeutet das entweder, dass die Querung zum Ostufer absolut notwendig ist oder wir mit unseren nicht gerade wenig zahlenden Kunden drei Tage ohne paddeln am Südufer campieren. Wirklich gut wäre jetzt ein Platz für einen Ruhetag, denn jeder Kilometer, den wir weiter Richtung Süden zurücklegen lässt Option zwei Wahrscheinlicher werden. Doch dem Mittagessen befinden wir uns in einem mir wenig bekannten Bereich des Sees - soll heißen ein Lagerplatz, der schön genug für einen Tag Pause ist, kenne ich hier nicht mehr. Während der übliche Einstieg in meine Querung zum Ostufer durch die Stenudden an uns vorbeizieht und wir sogar eine Landzunge überheben, um einen Teil komplett ungeschützten Ufers zu meiden, steigt meine Nervosität langsam an. Mein selbst gesetzter Desicion Point liegt vielleicht noch zwei Stunden entfernt. Passieren wir diesen nach Süden, bleibt nur noch Option zwei - zumindest wenn sich der Sturm nicht entgegen jeder Vorhersage legt. Immer weiter treiben uns Wind und Wellen vor sich her, bis wir etwa einundhalb Stunden später in eine Kette mehrerer kleiner Inseln einfahren. Im Windschatten der nördlichen Reihe umrunden wir ein vielversprechend aussehendes Inselchen, um zu deren Leeseite zu gelangen. Dann passiert etwas, dass ich nie vergessen werde, auch wenn ich es erst heute - fast sechs Jahre später zum ersten Mal verstanden habe.


Als wir den Östlichen Zipfel der Insel passieren ist es auf einmal Windstill. Während das Pfeifen des Winds und das Rauschen der Wellen zögerlich aus den Gehörgängen hervorkriecht, die es die letzten Tage dauerhaft bewohnt hat, verraten uns nur die schwankenden Baumkronen, das der Sturm auf der anderen Seite des kleinen Hügels unvermindert weiter tobt. Wir landen an in einer Bucht, gehen an Land und dann ist dieses Gefühl da. Vielleicht sind es die uralten, gewaltigen Birken, die hier das Ufer besäumen. Im Norden Schwedens, wo die Birken den widrigen Bedingungen zum dank eher verkrüppelten Sträuchern ähneln, habe ich noch nie so mächtige Exemplare dieser Bäume gesehen. Vielleicht ist es der sanft ansteigende, grasbewachsene Hügel vor mir. Im Norden Schwedens, wo jedes Stück unbewirtschafteter Boden früher oder später von hüfthohen Blaubeersträuchern überwuchert wir und man Gras allenfalls aus gut gepflegten Vorgärten (und Sümpfen) kennt, habe ich noch nie eine so einladende Zeltwiese mitten in der Wildnis gesehen. Vielleicht ist es die Wärme der Sonne, die ich jetzt ohne den schneidenden Wind zum ersten mal seit Tagen richtig spüre. [Wenn du wissen willst, wie diese Geschichte weitergeht] Oder vielleicht ist es einfach die Erleichterung so einen Traumplatz gefunden zu haben. Auf jeden Fall ist da dieses Gefühl. So fühlt sich nach Hause kommen an. Es ist diese Mischung aus Geborgenheit und Vertrautheit, die mir als quasi-nomadisch lebender Mensch sehr fremd geworden ist - seit Herbst 2013 hatte ich keinen Wohnsitz mehr, der nicht mit dem schönen Wort “Behelfslösung” umschreibbar war.

Am Ziel angekommen, müssen wir uns erst einmal zum Ausruhen in die Wiese legen

Es gibt ein paar Orte, die ich mit diesem Gefühl verbinde: Ein Vereinsheim in München, eine Bergwiese an der Deutsch-Österreichischen Grenze, eine Strandbar in Grenada, ein Stück Straße zwischen Kurzras und Schlanders, die Dachterrasse eines Restaurants mitten in der Türkei, natürlich die beschriebe Insel in Schweden und seit heute eine rote Bank am Rande des Donautals.

Diese Liste von Orten, deren Besuch allesamt eine Erzählung mindestens der gleichen Länge wie die obenstehende bedürfte, sagt natürlich dem geneigten Leser nichts. Das muss sie auch nicht, denn für den weiteren Verlauf dieses Textes ist es komplett irrelevant, um welche Plätze es wirklich geht, sondern stattdessen um die Faktoren, die sie verbinden und die dahinter liegende Selbsterkenntnis.

 

Was sind nun also die roten Fäden und Gemeinsamkeiten, die ich so unterschiedlichen Plätzen zuschreiben kann? Zu aller erst fällt auf: Mit einer Ausnahme habe ich jeden dieser Orte genau einmal besucht und, wie bei meiner Insel in Schweden, das Gefühl von Heimat und Verbundenheit schon beim ersten Anblick. Es ist könnte mit einem meiner liebsten Deutschen Worte “Waldeinsamkeit” umschreibbar sein - wenn ich nicht alle diese Orte mit anderen Menschen besucht hätte. Mit einer Ausnahme habe ich keinen dieser Orte ein zweite mal besucht und kann auch nicht darauf hoffen, dies in nächster Zeit noch einmal zu tun. Somit sind es Orte, die, obwohl durchweg mit schönen und positiven Erlebnissen verbunden, heute vor allem ein Gefühl der Melancholie auslösen, wenn ich an sie Denke. Alle diese Orte standen, obwohl ich es in diesem Moment nie wusste für Wendepunkte meines Lebens. Und es besteht noch eine Gemeinsamkeit, die uns langsam wieder zurück zu meiner anfangs angedeuteten spontanen Pause und den beschriebenen Erfahrungen mit Sportlernahrung bringt. Denn alle diese Orte habe ich beim Sport entdeckt.


Um noch genauer zu sein: Die Ankunft an jedem dieser Orte erfolgte in einem Zustand körperlicher und mentaler Erschöpfung, den ich nur selten in meinem Leben erreicht habe. In Schweden war es die Mischung aus Tagelangen sorgen um die Route, gemischt mit der Anstrengung eines sturmumtosten Sees. Heute war es der anspruchsvollste Anstieg, den ich seit meiner Corona-Erkrankung mit dem Rennrad gefahren bin, kombiniert mit den Sorgen um eine wissenschaftliche Arbeit, die ich seit Monaten mit mir herumtrage. Und bei jedem anderen genannten Ort war es eine ähnliche Kombination. Und nun kann man vielleicht das unglaubliche Gefühl der Erleichterung verstehen, dass einen befällt, wenn genau die Sorgen des Alltags vor dem Anblick unerwarteter Schönheit zurücktreten. Und wenn nach Stunden, Tagen oder in einem Fall auch Monaten am körperlichen Limit auf einmal ein Platz zum Verweilen und Pause machen einlädt. Es sind genau diese Momente, wegen denen ich meinen Sport liebe, denn ohne diesen hätte ich die meisten nie erlebt und ich weiß heute auch, woran ich diese Augenblicke erkennen kann: Wenn sich nämlich ich semi-nomadisch lebender Mensch mit Hummeln im Hintern plötzlich in der Mitte eine Trainingsfahrt auf eine rote Bank setzt, um den Ausblick zu bewundern.

Ich freue mich auf jeden Fall darauf mehr von diesen Momenten zu erleben. Aber vielleicht kann ich mir druch das finden genügend solcher Orte, nach zehn Jahren “on the road” wieder eine neue Heimat in meiner alten Heimat schaffen, auch wenn ich noch nicht genau weiß wie der Prozess des entdeckens vonstatten geht. Aber vielleicht hilft es, mal die Power-Gels durch eine voll gepackte Brotzeitbox zu ersetzen.

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