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Der Säuling und die Zwölf Apostel

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Wer schon einmal, von Norden kommend, auf der A7 nach Füssen gefahren ist, dem dürfte zweifelsohne der markante Gipfel des Säulings und die darunter liegenden Gamswiesen aufgefallen sein. Direkt neben Neuschwanstein und Tegelberg wird der Säuling oft vergessen, obwohl er eine Vielzahl lohnenswerter Routen im Angebot hat. Eine dieser Varianten ist die wenig bekannte Überschreitung der Zwölf Apostel. Die zwölf Gesteinszinnen zwischen Pilgerschorfen und Säuling bieten den Schauplatz einer hochanspruchsvollen Gratüberschreitung.


Vier Gründe für die Tour:

  • Eine Route, die wohl das obere Limit der seilfrei begehbaren Gipfelgrate darstellt und die unsere Fähigkeiten entsprechend auf die Probe stellt.

  • Eine Route die, mit Start am Tegelberg eine Menge Höhenmeter und Kilometer bietet und somit auch unsere Ausdauer auf die Probe stellt.

  • Ein kaum begangener Gipfelgrat, dessen Bezwingung eine echte Einzelleistung darstellt.

  • Traumhafte Aussichten über das Allgäu und Österreich, die so von keinem Berg in der Umgebung geboten werden.

Der Zwölf Apostel Grat vom Gipfel des Säulings
Der Zwölf-Apostel-Grat vom Gipfel des Säulings

Vorwort:

Kletter / Abseilstelle an der Apostel Paulus
Kletter / Abseilstelle an der Apostel Paulus

Bevor ich die Tourbeschreibung beginne, ein Wort der Warnung: Ein jeder kann sich mit einer Suche bei Google ("Zwölf Apostel Grat Unfall") davon überzeugen, dass diese Route kein Kinderspiel ist. Die Zahl der Todesfälle ist, im Vergleich zur Menge der Begehungen, geradezu überdurchschnittlich hoch. Ursächlich hierfür sehe ich vor allem die Tatsache, dass eine seilfreie Begehung, wie auch von mir so durchgeführt, noch im Rahmen erscheint. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auf einem Abschnitt von etwa 3 km Länge jeder falsche Tritt und Griff tödliche Konsequenzen haben kann. Jedoch sind wir dauerhaft einer sengenden Sommersonne und der hohen körperlichen Anstrengung ausgesetzt und somit leicht Opfer von Konzentrationsschwächen. Die gleiche Ausgesetztheit bedeutet zudem, dass wir jedem Wetterumschwung hilflos ausgeliefert wären. Die Dauer der Überschreitung und die Unmöglichkeit eines schnellen Abbruches machen somit auch das Wetter zum echten Risikofaktor.


Wer hier einsteigt, der sollte alpin erfahren sein, Klettergurt, Helm und Seil mitbringen sowie am besten in einer starken Gruppe unterwegs sein. Wohlfühlen muss man sich bei Freikletterstellen bis UIAA III und jeder Menge Luft unter den Füßen. Wer anhand dieser Beschreibung auch nur leisen Zweifel verspürt, der sollte die Tour definitiv sein lassen.


Die Tour:

ALG Die Zwölf Apostel und der Säuling
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Wir beginnen unsere Route an der Talstation der Tegelbergbahn und laufen zunächst über Almwiesen in Richtung Neuschwanstein. Regulär kann man hier durch die Pöllatschlucht zum Schloss aufsteigen. Die war jedoch in meinem Fall gesperrt, weswegen ich über den Sommerweg und die Straße entlang der Westseite genutzt habe. Wir könnten uns zwar schon einige Kilometer Wanderung und den Trubel bei Neuschwanstein sparen, wenn wir am Alpsee parken, doch die Pöllatschlucht rechtfertigt meiner Meinung nach die zusätzlichen Mühen.

Almidylle am Tegelberg mit Blick auf Neuschwanstein und Kuh
Almidylle am Start der Tour

Ab jetzt geht es auf einer Forststraße namens Wasserleitungsweg bergauf, bis wir bei erster Gelegenheit rechts auf einen weiteren Schotterweg abbiegen. In den nun folgenden Serpentinen haben wir noch einmal einen schönen Blick auf Neuschwanstein, bevor wir nur eine Kurve später unser Ziel erspähen. Vor uns liegt die steinige Nordwand des Säulings. Diese werden wir später auch bei unserem Abstieg durchqueren, doch bis dahin haben wir noch einen langen Weg vor uns. Zunächst erreichen wir das Älpele, eine kleine Wildblumenwiese auf 1296 m. ü. m.


Besagte Wiese überqueren wir auf einem kleinen Wanderweg, der uns den Berg hinauf bis zu der nicht öffentlichen Wildsulzhütte bringt. Hier zeigen Wegweiser die Richtung und wir folgen der Beschilderung nach der Pilgerschorfen-Umrundung und zum Säulinghaus. Der Weg wird jetzt steiler und deutlich steiniger ist aber immer noch leicht zu gehen. Wir wandern bergauf, bis wir die Gratverlängerung zum Älpeleskopf erreichen. Ab jetzt geht es wieder leicht bergab, direkt am Wandfuß des Pilgerschorfen entlang. Ab nun besteht auch latente Steinschlaggefahr, dennoch sieht man hier kaum Wanderer mit Helm.


Wir müssen nicht mehr weit wandern, bis wir die Grenze zwischen Deutschland und Österreich erreicht haben. Und hier, direkt am Grenzstein geht der Weg zum Pilgerschorfen ab. Ab nun ist der Pfad nicht mehr markiert. Er ist jedoch so gut ausgetreten, dass wir ihn kaum verfehlen können. Zu Beginn handelt es sich noch um einen steil ansteigenden Trampelpfad, doch schnell wird klar, worauf wir uns eingelassen haben und wir treffen auf die erste Kletterstelle (UIAA I). Kurz danach erreichen wir den Fuß einer Steilwand. Wir können von hier aus das Gipfelkreuz des Pilgerschorfen schon erblicken und entweder nach links über eine Kletterstelle (UIAA II) oder nach rechts über einen Trampelpfad und kleine Geröllrinne aufsteigen.

Wegweiser für den Steinbockweg zum Pilgerschorfen
Ein Verwaschener Wegweiser auf im Anstieg zum Pilgerschorfen

Wer aber die Überschreitung des Grates vor sich hat und sich nicht nur mit dem Pilgerschorfen begnügen möchte, der sollte definitiv die Kletterstelle als ersten Testlauf bereifen und nutzen. Wem hier beim Übersteigen einer tiefen Spalte und der kurzen Traverse direkt über dem Abgrund schon flau im Magen wird, der sollte die Tour beenden. Der Abstieg über Geröllrinne und Trampelpfad vom Pilgerschorfen ist zwar ebenso nicht ganz anspruchslos, doch zumindest deutlich leichter als ein großer Teil dessen, was uns bei den Zwölf Aposteln erwartet.


Vom Pilgerschorfen aus folgen wir nun dem Grat von Steinzinne zu Steinzinne. Dabei erwartet uns eine solche Vielzahl von Kraxelstellen in der Schwierigkeit UIAA I - III das eine einzelne Beschreibung jeder Stelle den Rahmen dieses Berichtes sprengen würde. Aufmerksam sollten wir werden, wenn wir auf unserer rechten Seite einen Abseilanker erblicken. Dieser Erste von insgesamt vier Abseilankern auf dem Grat zeigt uns an, dass wir jetzt die anspruchsvollste Abkletterstelle erreicht haben. Im Schwierigkeitsgrad II - III geht es nach unten, bis etwa drei Meter über dem Boden die Wand in einen Überhang abgeht. Dieser ist so glatt und abgespeckt, dass ich vor Ort nur eine Lösung gefunden habe:

mich von der Kante des Überhanges herunterzuhängen und mich dann das letzte Stück bis zum Boden fallen lassen. Jeder, der gelegentlich am Felsen bouldert, ist vermutlich schon aus größerer Höhe von der Wand abgesprungen. Dann jedoch dürfte der Landebreich kein schmaler Grat mit Abgründen auf beiden Seiten gewesen sein.

Allein für diese Stelle lohnt es sich auf jeden Fall schon Kletterausrüstung mitzubringen, da eine Seilsicherung hier ein gewaltiges Plus an Sicherheit darstellt. Und im Verlauf der Tour erwartet uns noch eine zweite Einzelstelle, an der ich mir durchaus ein Seil gewünscht hätte.

Zunächst geht es nun aber weiter auf den Grat entlang oder manchmal auch direkt daneben jedoch immer mit einem offensichtlichen Weg. Die Schwierigkeiten bleiben gleichmäßig hoch. Wir haben ein ständiges Auf und Ab vor uns, bis wir ziemlich genau auf der Hälfte des Grates zur zweiten Abseilstelle gelangen. Markant ist hier, dass eine Felszacke auf den Stämmen einer Latsche umgehbar scheint. Diese wächst gerade zur Seite aus dem Berg heraus und bietet einen überraschend festen Tritt. Der Abseilanker befindet sich oberhalb dieser Umgehung. Wer so abklettert, den erwartet der dritte Schwierigkeitsgrad, sowie eine nicht offensichtliche Querung zwischen zwei Felsspalten auf halber Wandhöhe. Sollte der richtige Moment zum Wechseln der Spalten verpasst werden, besteht Potenzial, sich nach untenhin rettungslos in die Steilwand jenseits des Grats zu versteigen.


Dass ich diese Stelle in der Tourbeschreibung fast vergessen hätte, weil sich die beiden anderen Abkletterstellen so sehr in mein Gedächtnis eingebrannt hatten, könnte verdeutlichen, wie anspruchsvoll diese Tour wirklich ist.

Um zu der Letzten der drei Bergabstellen zu kommen, müssen wir aber noch drei weitere der Felstürme besteigen. Dann endlich befinden wir uns auf dem letzten und höchsten, dem Apostel Paulus und habe vor uns einen sehr tiefen Abstieg. Der beginnt unschuldig und scheinbar einfach und selbst der erste der drei Abseilanker in diesem Abschnitt schein noch fast zu viel des Guten zu sein. Doch dann steigen die Schwierigkeiten dramatisch. Ein Abklettern direkt beim zweiten Abseilanker ist eher nicht zu empfehlen, denn die Wand ist hier steil und glatt. Stattdessen gibt es etwas weiter westlich eine schmale Felsrinne, die aber keineswegs ohne ist. Die Steine lassen sich hier nur mit den Worten "Beängstigend Brüchig" beschreiben und die kurzen Graßflecken dazwischen zeichnen sich vor allem durch ihre Rutschigkeit aus. Würde ich diesen Grat noch einmal gehen, würde ich ein Seil mitnehmen, nur um die letzten Meter dieses Abstiegs zu umgehen.

Die Ostseite der Apostel Paulus. Der Abstieg erfolgt über das Latschenband halbrechts
Die Ostseite der Apostel Paulus. Der Abstieg erfolgt über das Latschenband halbrechts.

Wenn wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, müssen wir uns durch einen sehr schmalen Durchschlupf zwischen zwei Felsnadeln quetschen und anschließend zum allerletzten Mal für diese Tour abklettern. Der folgende Aufstieg über die extrem steile Schorfenwiese bis zu den Gamswiesen ist ebenso nicht ohne. Zum ersten Mal im Tourverlauf ist kein deutlicher Pfad mehr erkennbar. Wir wandern dementsprechend Freestyle dem Weg des geringsten Wiederstandes nach.


Auf den Gamswiesen angekommen erwartet uns noch der kurze Anstieg bis zum Gipfel des Säulings, von wo aus wir über den gesamten Grat zurückblicken können und uns unserer Leistung erfreuen. Vorbei ist die Tour an dieser Stelle aber noch nicht ganz. Der Abstieg Richtung Wildsulzhütte ist steil, steinig und erfordert wieder einmal die volle Aufmerksamkeit. Einzelne Stellen sind mit Drahtseilen versichert, die Schwierigkeiten überschreiten aber nie den Grad A auf der Klettersteigskala. Als letzte markante Einzelstelle zeigt sich hier eine metallene Leiter an. Von nun an ist es vor allem ein langer Hatscher zurück bis zur Talstation der Tegelbergbahn, und das komplett auf Wegen die schon im Aufstieg begangen wurden. Dementsprechend ist für alle, die weniger Kilometer machen wollen, ein Parkplatz am Alpsee oder in Pflach auf der österreichischen Seite zu empfehlen.

Panorama des Zwölf Apostel Grades von den Gamswiesen aus.
Panorama des Zwölf Apostel Grades von den Gamswiesen aus.

Wo immer diese Tour auch endet oder beginnt, Highlight bleibt ein Grat, den so nur sehr wenige Menschen schon gesehen haben dürften.





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